DIE DEUTSCHE EINHEIT


UND DAS MILITÄR

Die Situation beim Militär ist im Herbst 1989 in erster Linie durch Konzeptions- und Sprachlosigkeit beim
Ministerium für Nationale Verteidigung und vielen anderen höheren Stäben gekennzeichnet.
Es kommen keine Befehle und Weisungen mehr von "Oben" zu uns in die Truppe.
Alles bleibt dem eigenen Urteilsvermögen und dem "militärischem Selbstlauf" überlassen.
Was clevere Kommandeure vor Ort nicht selbst entscheiden, entscheidet niemand. Wir arbeiten in dieser schwierigen Zeit
so weiter, als gäbe es keine
WENDE, erfüllen unseren verfassungsmässigen Auftrag weiter wie bisher und führen weiter
die Sicherung der Lufthoheit der DDR und die Luftraumaufklärung der Handlungen der NATO-Fliegerkräfte über der BRD durch.
Über die Gefahren der gegenwärtigen Entwicklungen wurde öffentlich nicht gesprochen.

Tagtäglich wurde immer mehr bekannt über
Amtsmissbrauch, Korruption und persönlicher Bereicherung im Partei- und
Staatsapparat, über die
Bespitzelung der DDR-Bürger durch die Stasi und andere Staatsorgane, über die Sonderrechte und
Privilegien der "Privilegierten"
, über politische Gefangenschaft und Verfolgung Andersdenkender (Bautzen), über Wahlbetrug,
feudale Jagdhobbies
, Unterschlupf für die RAF-Terroristen, Unterdrückung und Unterwanderung der Friedensbewegung,
Berufsverbote
für Künstler, Ausreiseanträge und Ausweisungen, Zwangsaussiedlungen aus dem Grenzgebie und
"geschleifte" Dörfer
, Aberkennung von Bürgerrechten, Rechtsbeugung, oder den überwiegend sehr
maroden Zustand unsere Volkseigenen Betriebe und Kombinate.
Die Presse war täglich voll davon und die Meldungen in Fernsehen und Rundfunk überschlugen sich stündlich.
Wir sassen in dieser Zeit oft stundenlang vor dem Fernseher und verfolgten gespannt die sich überschlagenden Ereignisse.

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Die   E n t t ä u s c h u ng   und   E m p ö r u n g    bei uns Soldaten war riesig.
Besonders das Offizierskorps machte die traurige Erfahrung, dass man
jahrelang mit einer Lüge gelebt hatte
und nicht einmal die Idee stimmte, für die man gestritten und gekämpft und für die man so manche Härten und Entbehrungen
im persönlichen Leben in Kauf genommen hat. Man war nicht so verblendet, um nicht zu sehen, dass Jahr für Jahr die
proklamierten Reden immer weniger mit der Realität überein stimmten . Nunmehr aber musste man erfahren,
dass im Nebel unsereres "Glaubens", für etwas Positives einzustehen, sogar
Verbrechen begangen wurden.

Spätestens seit dem Tage der
Grenzöffnung am 09.10.1989 war uns Militärangehörigen eindeutig klar, dass
die Einheit Deutschlands
unvermeidlich kommen würde.
Nur, wie diese aussehen könnte und was dabei mit uns Militärs passieren würde, das stand in den Sternen.
Man hatte nur eine ungefähre Ahnung, was mit Bundeswehrsoldaten passiert wäre, wenn es andersherum gekommen wäre.


Die Reaktionen darauf waren von Person zu Person sehr unterschiedlich. Ganz mutige nahmen in Zivil an den Montags-
demonstrationen teil. Die einen meinten, sich einen persönlichen Vorteil verschaffen zu können, indem sie (teilweise mit
entwendeten Geheimen Verschlusssachen im Rucksack) nach Öffnung der Grenzen noch schnell mal die Seite wechselten
und 
"zum Feind desertierten". Ich kenne da persönlich zwei Beispiele aus meiner unmittelbaren Umgebung.
Andere wiederrum
quittierten den nunmehr sehr "unsicheren" Dienst beim Militär und versuchten, so lange das noch irgendwie
möglich war, in der zivilen Wirtschaft Fuss zu fassen. Aufgrund der Menge freier Arbeitsplätze, die 350.000 Menschen
hinterlassen haben, die im Jahre 1989 das Land auf den unterschiedlichsten Wegen verlassen hatten, gab es dafür gute
Chancen. Auch ich hatte damals ein gutes Angebot des damaligen Chefs einer Dienststelle des Funkamtes Erfurt, in der
auch mein Vater tätig war, dort als Schichtleiter zu arbeiten. Man bot mir sogar eine Dienstwohnung dazu an, aber nach einer
48-stündigen  Bedenkzeit habe ich das Angebot doch ausgeschlagen - nach dem Motto
"Schuster bleib bei deinen Leisten",
lagen meine Hoffnungen doch mehr beim Militär.

Wahrscheinlich waren auch viele dabei, die auf einer sogenannten
"zweiten Gehaltsliste" standen und deshalb rechtzeitig schnell
das Weite suchten. Wieder andere, und zu denen gehörte auch ich, hatten sich nichts vorzuwerfen und warteten ab, was denn die
Entwicklung in Richtung Einheit für uns mit sich bringen würde.
Auf jeden Fall hat fast jeder NVA-Angehörige schon zu Zeiten (Nov-Dez 89), als es den Soldaten noch verboten war, ein- oder
sogar zweimal in Zivil
den Westen "besucht", um sich sein "Begrüssungsgeld" abzuholen.
Viele der Berufssoldaten wagten nunmeh
r auch ihre Kritik am System der NVA offen auszusprechen oder gar Eingaben und
Beschwerden zur Erleichterung der Arbeits- und Lebnsbedingungen zu verfassen.


Es war eine sehr schnelllebige und turbulente Zeit mit teilweise jähen Wendungen und
laufend wechselnden Gefühlen :


??? mal Vertragsgemeinschaft ??? mal Konförderation ??? mal gleich die Einheit ??? weiter im Warschauer Pakt ???
oder neutral ??? oder gar in der NATO ???
 zwei souveräne Staaten nebeneinander ??? oder eine gleichberechtigte Vereinigung ???  oder einfach nur Beitritt ???
ein zeitlich lang andauernder Übergang ??? Annäherung in kleinen Schritten ??? oder sofort und ganz schnell ???


Wie würde es weitergehen ???

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Die Wiedervereinigung aus militärischer Sicht in Schlagzeilen :

28.11.1989
"Von konföderativen Strukturen zu einer Föderation"

Bundeskanzler Helmut Kohl legt dem Bundestag einen
10-Punkte-Stufenplan zur Deutschlandpolitik vor.
Sein Ziel
(ohne zeitliche Festlegung) ist die Herstellung einer bundesstaatlichen Ordnung, d.h. die staatliche Einheit Deutschlands.
19.12.1989
Bundeskanzler Kohl trifft sich in Dresden mit Ministerpräsident Modrow.
Eine
Vertragsgemeinschaft der beiden deutschen Staaten wird besprochen.
Am nächsten Tag redet Kohl auf einer Massenversammlung zur Bevölkerung Dresdens.
01.02.1990
Modrow schlägt die schrittweise Vereinigung der beiden deutschen Staaten vor.
Als Vorbedingung will er ihre
militärische Neutralität.

10.02.1990

Präsident
Gorbatschow erklärt, dass es Sache der Deutschen sei, den Zeitpunkt und den Weg der Einigung selbst zu bestimmen.
14.02.1990
Die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und die beiden deutschen Staaten vereinbaren
die Aufnahme von Verhandlungen über die
äußeren Aspekte der deutschen Einheit ("Zwei plus Vier").
06.03.1990
Anlässlich eines Moskau-Besuchs von Modrow erklären die Regierungen der UdSSR und der DDR übereinstimmend,
die Vereinigung der beiden deutschen Staaten dürfe
nicht durch Beitritt der DDR nach Artikel 23 erfolgen,
sondern müsse in Etappen vor sich gehen, und Gesamtdeutschland dürfe
nicht Mitglied der NATO sein.
28.04.1990
Eine Gipfelkonferenz der
EG stimmt einmütig der Vereinigung Deutschlands zu.
 
05.05.1990
In Bonn beginnen die
"Zwei-plus-vier"-Gespräche der Außenminister der beiden deutschen Staaten und der Siegermächte.
18.05.1990

Vertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der
Deutschen Demokratischen Republik

 


  06.07.1990
Die Regierungen der beiden deutschen Staaten nehmen Verhandlungen über den
Einigungsvertrag auf.
 
16.07.1990
Gespräche zwischen Gorbatschow und Kohl in Moskau und im Kaukasus werden mit dem Ergebnis abgeschlossen,
dass die UdSSR eine
NATO-Mitgliedschaft des künftigen Gesamtdeutschlands zustimmt.
Die sowjetischen Truppen sollen innerhalb von
3 bis 4 Jahren aus Deutschland abgezogen werden.




31.08.1990
Der
"Einigungsvertrag" wird unterschrieben.
Der Beitritt nach Art. 23 GG am 03.10.1990 wird festgeschrieben.
 
12.09.1990
Die Außenminister der
vier Siegermächte und der beiden deutschen Staaten unterzeichnen in Moskau den
Zwei-plus-vier-Vertrag (Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland).
Nach seiner Ratifizierung erlöschen alle Rechte der vier Mächte in Bezug auf Deutschland.
24.09.1990
Verteidigungsminister Eppelmann und der Oberkommandierenden der Streitkräfte des Warschauer Vertrages
Armeegeneral Luschew unterschreiben das Protokoll über die Herauslösung der NVA aus der sozialistischen Militärkoalition.

Die DDR tritt aus dem Warschauer Pakt aus.
01.10.1990
die vier Siegermächte suspendieren ihre Vorbehaltsrechte in Bezug auf Deutschland bis zum Inkrafttreten des
Zwei-plus-vier-Vertrages, der noch von den Parlamenten ratifiziert werden muss. Damit hat Deutschland bereits jetzt seine

volle Souveränität
 zurückerlangt.
 
03.10.1990
Mit Anbruch des 3. Oktober 1990 ist die Teilung Deutschlands beendet.
Der 3. Oktober wird Nationalfeiertag.

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Man versuchte Anfang '90 dann noch schnell eine Militärreform auf den Weg zu bringen.

        

Durch Schaffung einer eigenen Zeitschrift mit dem Namen „Militärreform“ konnte der damalige Verteidigungsminister
Hoffmann den langsamen Weg der DDR-Bürokratie und Militärhirachie umgehen und sich so direkt an uns Soldaten wenden.

Die Grundzüge der damals begonnenen Militärreform :
Eine neue Innendienstvorschrift kommt. Die Anrede
Genosse wird durch Herr, Frau, Fräulein ersetzt. Grundwehrdienst nur
noch im Alter von 18-21 Jahren, ein
neues Wehrdienstgesetz tritt in Kraft - mit verkürzter Dienstzeit - 12 Monate für GWDL
und
24 Monate für UaZ , ein Wehrersatzdienst wird eingeführt, die Berufssoldaten erhielten die 45 h-Arbeitswoche Mo-Fr,
die
Dienststärke für das DHS wurde von 80 % auf 50 % des Personals abgesenkt, 50 % kann nun in Urlaub oder Ausgang,
Kurzurlaub und Ausgang erfolgt nun
in Zivil und ohne die übliche Begrenzung auf den Standortbereich, neben dem Wehrpass
gibt es nun den
Personalausweis und Reisepass am Mann, die einheiliche Nachtruhe um 22.00 Uhr wird abgeschafft -
Freizeitgestaltung nach 22:00 Uhr erfolgt individuell, Kassettenrekorder und Walkman dürfen in der Kaserne betrieben
werden, die K2-Uniform wird abgeschafft, UaZ erhalten Dienststellenausweise.
Alle
Reservisten werden am 05.12.89 entlassen,  viele Soldaten werden in der Volkswirtschaft eingesetzt.

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Während der Beitrittsverhandlungen im Sommer 1990 standen dazu drei Modelle zur Diskussion :

1 . Auflösung der NVA durch die gewählte DDR-Regierung noch vor der Einheit
 2 . Die NVA bleibt für eine betimmte Übergangsphase erhalten
 3. Die sofortige Auflösung der NVA mit gleichzeitigem Aufbau einer Bundeswehr in den FNL

Die P
olitik hat sich für die dritte Alternative entschieden - ein langer und schwieriger Weg.

Die Armee des wiedervereinigten Deutschland würde sich nach dem 3. Oktober 1990 auf fast 600.000 Mann vergrössern.
Im Zwei-plus-Vier-Vertrag wurde aber eine Gesamtstärke deutscher Streitkräfte von 370.000 Mann festgeschrieben.
Das bedeutete, dass ein massiver Abbau von Personal aus den Reihen der NVA, aber auch der "alten" Bundeswehr,
angesagt war.

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Durch Veröffentlichungen nach den ersten freien Volkskammerwahlen der DDR im März 1990 wurde für uns Militärs
das Bild langsam klarer, wo es hingehen und wie es möglicherweise mit uns weitergehen könnte.



 



Der letzte DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann hatte bereits vor der Vereinigung
alle Generale und Admirale der NVA sowie alle Politoffiziere und erkannten Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit
aus ihren Dienststellungen und der Armee
entlassen.
Auch in der Truppe vor Ort wurde intensiv an der Reduzierung der Truppenstärke "gearbeitet" - unzuverlässige Zeit- und
Berufssoldaten wurden aus der Armee "entfernt" und allen anderen freigestellt, ihre Dienstverhältnisse vorzeitig zu kündigen

Unser damaliger Kommandeur des FuTB-51 empfahl aber allen Soldaten, die ehrlich in der NVA gedient und keine Erklärung
zur Zusammenarbeit mit dem MfS unterschrieben hatten, eine sich bietende Chance zur Übernahme in die "neue"
Bundeswehr zu nutzen, falls sie damit persönlich "kein Problem" hätten.

 Wir, als Angehörige der
Funktechnischen Truppen der Luftverteidigung , hatten dabei ein besonderes Plus für uns.
Die Russen forderten im "Zwei-plus-Vier-Vertrag", dass bis zum
vollständigen Abzug der WGT (Westgruppe der Truppen der
Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland) vom Gebiet der ehemaligen DDR
keine NATO-Truppen auf dem Territorium
der ehemaligen DDR
(in den " Fünf Neuen Ländern") stationiert werden dürfen.

Zur Aufrechterhaltung des Schutzes der Integrität des nationalen deutschen Luftraumes über dem Gebiet der FNL, war eine
intakte durchgängige Luftraumüberwachung notwendig. Die Idee, den im Grenzraum zur DDR und CSSR entfalteten
TMLD (Tiefflieger-Melde- und Leitdienst) der Bundeswehr in die DDR zu verlegen, wurde schnell wieder aufgegeben.
Für eine lückenlose Luftraumüberwachung gab es zu wenig Radartechnik, zu wenig Personal und zu hohe Unterhaltungskosten.
Ausserdem war die Techn
ik (Radargeräte MPDR 30/1) nur zur Flugüberwachung und zur Fliegerleitung in geringer Höhe mit
begrenzter Reichweite geeignet. und nicht für eine flächendeckende Luftverteidigungsaufgabe.
So blieb keine Alternative, als das bestehende System der Luftraumüberwachung und Jägerleitung mit den vorhandenen
Radargeräten russischer Bauart und dem dazugehörigen Wartungs- und Bedienpersonal der FuTT, wenigstens für ein
begrenzte Übergangszeit zeitweilig zu übernehmen ...

... eine Chance ! Sollte man sie nutzen, ... auch, ... um vielleicht ein klein wenig "wiedergutzumachen" ???

Bis die Einsicht, dass der Feind nicht der Feind war, zur Überzeugung wird, das braucht seine Zeit.
Auch der Abschied von den Idealen, die sich als Illusionen erwiesen haben, ist schwer und geht nicht von heute auf morgen.
Die Einsichten, die ich damals gewonnen und zu denen ich mich durchgerungen habe, liessen mich zu dem Entschluss kommen :

ICH BLEIBE SOLDAT, WENN ICH DIE CHANCE DAZU BEKOMME !

>>> FORTSETZUNG über RadarFü - Bundeswehr und NVA