Mein  Weg  zum  Militär

Vorausgeschickt sei, dass nicht einmal die ersten Gedanken, eventuell länger zum Militär zu gehen oder sogar Offizier zu werden
etwas mit irgendwelchen positiven Einstellungen zum System oder gar parteipolitischen Standpunkten zu tun hatten ... nein ...

MEINE ENTSCHEIDUNG BASIERTE AUF REIN MENSCHLICHEN ÜBERLEGUNGEN.

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Bevor ich aber zur Aufzählung der Gründe komme, möchte ich etwas weiter ausholen :

Als heranwachsende Kinder interessierten wir uns eigentlich überhaupt nicht für Politik.
Das Interesse daran wurde uns mit Fahnenappellen, Wandzeitungen, Heimat- und Staatsbürgerkundeunterricht
bereits in der Schule vergällt. Wir waren immer froh, wenn wir davon verschont blieben.
Aber die Auswirkungen des gerade verlorenen 2. Weltkrieges waren noch überall sichtbar und die Erkenntnisse
von dem Leid, dass der Krieg über die Menschen gebracht hat, waren noch frisch und überall erlebbar.
Man muss bedenken, dass es in der DDR teilweise bis Mai1958 noch Lebensmittelmarken gab.
Auch unsere Eltern und Grosseltern haben viel Leid am eigenen Leib erfahren müssen und uns dies vermittelt.
Aus den persönlichen Erfahrungen dieser Zeit des neuen Aufbruchs, erwuchs eine generelle antifaschistische Grundhaltung
bei uns Kindern - Basis war nicht die politische Erziehung durch die Gesellschaft !
Diese hat wirklich nur eine untergeordnete Rolle gespielt, obwohl sie in de Anfangsjahren des Wiedeaufbaus noch glaubhaft war.
Was sollte an einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind und es keine Armut mehr gibt und in der die Ursachen
für Kriege endgültig ausgerottet sein werden, auch falsch sein !?
Wir wollten schon als Kinder beim Aufbau einer gerechteren Gesellschaft mithelfen und engagierten uns schon früh
im Rahmen des sogenannten NAW (Nationales Aufbau-Werk) - bauten in unentgeltlichen Arbeitseinsätzen
einen Verkehrsgarten, Kinderspielplätze, Bolzplätze und sogar - es ist Tatsache - unser eigenes Schwimmbad mit, um
das Leben in der Gemeinschaft unseres kleinen Wohnortes zu verbessern und schöner zu machen.
Heranwachsend, wurde das Kreis-Jugendklubhaus "Nikolai Ostrowski" in unserem Heimatort zum Mittelpunkt unserer
Freizeitaktivitäten - Arbeitsgemeinschaften wie Amateurfunk, Fotoklub, Kirmes- und Karnevalsverein hatten eine
hohe Anziehungskraft für die Jugend unserer 3500 "Seelen" Kleinstadt.

     
Quelle : Rudolf Kampmann 1962,
mit freundlicher Genehmigung von Frau Brigitte Kampmann

Besonders interessant wurde es für uns Jugendliche, als Ende der 60er Jahre die ersten
Jugendtanzveranstaltungen und Discos
in unserem Jugendklubhaus begannen, welche sehr schnell zum festen Betandteil des
alltäglichen Jugendlebens wurden !!!
In den 60er Jahren kamen lange Haare in Mode und der Beat hat sich innerhalb kurzer Zeit in der internationalen Musikszene
in Gestalt der
BEATLES und ROLLING STONES durchgesetzt. Beatgruppen schossen wie Pilze aus der Erde.
Die Rockmusik wurde tragendes Element für den Protest einer ganze Generation von Jugendlichen gegen die alte,
unflexible und verknöcherte bürgerliche Gesellschaft.
Kampf um mehr Freiheiten, Protest gegen den Vietnamkrieg, Studentenunruhen waren an der Tagesordnung.
Der Kampf gegen staatliche Autorität und Erziehung und für die Gleichstellung von Minderheiten,
sowie der Einsatz für die "sexuelle Revolution" rückten in den Mittelpunkt der Aktionen der Jugend.
Es entstand die
Flowerpower- und Hippie-Bewegung, die Ostermarsch- und Friedensbewegung, die Studentenbewegung allgemein
- kurz : eine generationelle Protestbewegung - auch -
die 68er-Bewegung - genannt.
Diese Bewegung machte auch nicht an politischen Grenzen halt !
Wir konnten diese Entwicklungen im Westrundfunk und Fernsehen unmittelbar miterleben, da wir sehr nah an der innerdeutschen
Grenze wohnten und diese Stationen in besserer Qualität bei uns zu empfangen waren, als unsere DDR-eigenen Sender !
Weil die
Beatmusik auch auf die DDR-Jugend eine große Wirkung ausübte, versuchte man in dieser Zeit in der DDR eine
Gegenbewegung zu kreieren und
eine halbwegs moderne, aber nicht zu westlich klingende Tanzmusik zu etablieren - vergebens !
Da der eigene Rundfunk kaum Beatmusik spielte und die erreichbaren Sender aus Bayern und Hessen damals auch nur
stundenweise jugendgemässe Musik sendeten, so waren wir gezwungen auf die Kurzwellensender
Radio Luxembourg und die Piratensender Radio Caroline und Radio Nordsee International auf Kurzwelle auszuweichen, auch der Deutsche Soldatensender,
der
Freiheitssender 904 und andere Musiksender spielten eine gewisse Rolle.
Da wir die Originale nicht LIVE hören konnten, wurden die Qualität der vielen Bands, die bei uns zum Jugendtanz spielten
(
TEAM F, AMBASSADORS, RELAIS (später FOUNDLINGS) usw.), immer daran gemessen, wie nah sie mit ihren
Cover-Versionen dem Original kamen.
Ich werde unter der Rubrik
HOBBIES / MUSIC irgendwann in Zukunftt ein bischen mehr über die Zeiten damals im Klubhaus unter
unserer "legendären" Klubhausleiterin Anne(liese) Schade, zu der ich noch heute guten Kontakt habe, schreiben - versprochen !

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Ja, also auch in der DDR wurde gegen Ende der 60er Jahre die Kluft zwischen den Erwartungen der Jugend und der mangelnden
Kompromissbereitschaft von Schule, stattlichen Organen und Behörden immer grösser. Ich behaupte, dass es 1968 in der DDR
(zumindest an den unmittelbar angrenzenden Beziken) eine ähnliche Situation, wie den 
PRAGER FRÜHLING in der CSSR gab.
Ich war damals erst 15, aber ich erinnere mich noch heute an gesprühte PRO-
Dubcek-Parolen auf Strassen und an Brücken,
an die Verhaftungen älterer Jungendlicher aus unserer kleinen Stadt und Gefängnisaufenthalte von einigen Bekannten aus
politischen Gründen im Zusammenhang mit dem
PRAGER FRÜHLING und der 68er-Bewegung.
Aktiver Protest gegen den Staat war für uns damals viel zu gefährlich, eigentlich undenkbar - die Ohren der
StaSi waren überall.
Als stummen Protest trugen wir Kanülen von Einwegspritzen an unseren Jackenkragen - als Zeichen für unsere Einstellung :
WIR LASSEN UNS DEN SOZIALISMUS NICHT EINIMPFEN !
Wir dichteten Songs um und sangen diese in erlesenen Freundeskreisen mit geändertem Text : z. Bsp.
The House Of The Rising Sun - ich krieg den Text heute leider nicht mehr zusammen , vielleicht kann ja jemand noch helfen ...

Es steht ein Haus in Ostberlin,
es steht weitab vom Recht,
wo niemals mehr die Sonne scheint,
ein freier FAN als Knecht !

Die Harre sind so lang, so lang,
................


Ja, Probleme wegen der zu  lang spriessenden Haare hatten wir damals überall, vor allem aber in der Schule.
Es ging soweit, dass uns angedroht wurde, dass wir vom Gymnasium (EOS) fliegen würden und unser ABI nicht ablegen dürften,
wenn wir unsere Haare nicht kürzen lassen würden. Und sie waren ja nicht wirklich lang !


Kurz und gut - wir waren damals alles andere als systemtreue JA-Sager !!!

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TROTZ  ALLEDEM  LANDETE  ICH  BEIM  MILITÄR  DER  DDR !
EIN RIESIGER ZWIESPALT ZWISCHEN DEM DENKEN AUF DER EINEN UND DEM HANDELN AUF DER ANDEREN SEITE !!!


W A R U M   NUR   ? ? ?

Vielleicht können viele meine Gründe nicht nachvollziehen, aber sie sind total menschlich :
- erstens -
Wir waren zu Hause eine sehr grosse Familie - Vater, Mutter und 6 Kinder. Wir wohnten seit 1957 in einem schönen Neubaublock
der Deutschen Post - Funkamt Erfurt am Stadtrand von Themar, in einer 4-Zimmer-Wohnung.
Diese kostete damals gerade 50 Mark der DDR Miete, das sich zwar sehr wenig anhört, was sich aber im Verhältnis zum durchschnittlichen monatlichen Gesamtverdienst von 650 Mark dann doch relativiert.
Wir lebten zu acht auf sehr engem Raum. Ich teilte mir mit meinem Bruder Norbert ein kleines Zimmer. Unsere drei Schwestern mussten sich zu dritt ein kleines Zimmer teilen und unser jüngster Bruder schlief noch im elterlichen Schlafzimmer.
Das Leben auf so engem Raum hatte Vorteile : Man lernte von Anfang an, mit anderen zurechtzukommen und zu teilen.
Der familiäre Zusammenhalt war zu dieser Zeit immer sehr gut.
Entscheidender Nachteil : Es gab
NULL Privatsphäre - keinen Ort, an den man sich hätte zurückziehen können, um mal mit sich und
seinen Problemen alleine zu sein, geschweige denn mal mit einer Freuindin zusammen zu sein.
Das Ganze wurde mit zunehmendem Alter immer belastender ! Man musste da einfach raus - so bald als möglich !
- zweitens -
Ich war in meiner Jugend leidenschaftlicher Sportler. Es gibt kaum eine Sportart, die in der ehemaligen DDR gefördert wurde,
in der ich mich in meinem Leben nicht versucht, oder die ich nicht irgendwann aktiv betrieben habe :
Leichtathletik an POS und EOS (100m, Mittelstrecke, Crosslauf, Kugelstossen, Speer, Weitsprung), Handball, Fussball, Volleyball,
Judo, Ringen, Boxen, Federball, Tischtennis, Gewichtheben, Kegeln, Schwimmen - vielleicht hab ich noch was vergessen ?
Sport war meine Leidenschaft !
- drittens - 
Ich war familiär vorbelasteter Hobbybastler auf dem Gebiet der Elektrotechnik. Wir haben alles zusammengebastelt, was
Schaltbilder aus den einschlägigen DDR- und BRD-Elektronik-Zeitschriften hergaben
(Mein Vater war von Berufs wegen Bezieher der bundesdeutschen FUNKTECHNIK) :
Band-Verstärker, Gitarren-Verzerrer, Mikrofonverstärker, Mischpulte, Alarmierungseinrichtungen, Transistorradios,
MW- und UKW- Kleinsender, Lichtorgeln, akustische und optische Effektschaltungen u.v.m. - dies alles mit Bauteilen des Elektronik-Bastlerversandes Hermsdorf zu sehr moderaten Preisen.
Es erwuchs daraus der Wunsch, an der TH (Technische Hochschule) Ilmenau heimatnah
Elektrotechnik / Elektronik zu
studieren und dann möglicherweise auch (wie Vater) beim Funkamt Erfurt zu arbeiten.
Leider waren meine schulischen Leistungen am Gymnasium (weil wir andere Prioritäten setzten) nicht unbedingt die besten,
um problemlos einen der sehr gefragten Studienplätze dort zu bekommen.
- viertens -
 Ich habe leidenschaftlich gern in der Gemeinschaft
mit Menschen gearbeitet, Aufgaben und Verantwortung mit anderen geteilt
und selbst Verantwortung für andere übernommen. Anderen etwas beizubringen und meine Erfahrungen zu vermitteln gab
mir innere Befriedigung. Im Schwimmlager z. Bsp. Kindern das Schwimmen beizubringen, war echte Erfüllung !
Ausserdem war Psychologie und Pädagogik ein Hobby von mir.
- fünftens -
Mein Vater war Offizier der Reserve und mein Bruder Norbert hatte als Unteroffizier auf Zeit (3 Jahre) gedient.
Zum Zeitpunkt meiner Musterung war klar, dass nur Abiturienten mit
mindestens 3-jähriger Verpflichtung einen, ihrem Wunsch entsprechenden, Studienplatz erwarten durften. Meinen Aufruf zur Musterung hatte ich schon in der Tasche.
Es würde schwer für mich werden, dort, bei der Musterung im WKK (Wehrkreiskommando) um eine mindestens 3-jährige Dienstzeit
in der Truppe herum zu kommen.
Das  würde bedeuten, mit 18 ABI - 3 Jahre Dienst bei der NVA (bis 22) - 3-4 Jahre Studium (bis 26/27) - Arbeitsplatzsuche ...
Mit 30 wäre man dann vielleicht endlich materiell selbständig - in einer Grossfamilie mit 6 Kindern bis dahin auf Unterstützung
angewiesen - das ging gar nicht ... eine Lösung musste her ...

Von zu Hause weg - viel Sport - Studium Elektrotechnik - Arbeit mit Menschen - mindestens 3 Jahre dienen ...

WIE WAR DAS ALLES IN EINKLANG ZU BRINGEN ???

ICH SAH DEN DIENST BEIM MILITÄR ZU DIESEN ZEITPUNKT DAMALS ALS GANZ NORMALEN JOB AN
UND NICHT ALS POLITISCHE BERUFUNG ZUR VERTEIDIGUNG DES SOZIALISMUS !!!


Die gedankliche Lösung all meiner persönlichen Probleme sah ganz einfach aus :

>>> sich einberufen lassen, kaserniert wohnen, Offiziersschüler werden - um die notwendigen 3 Jahre als UaZ
(Unteroffizier auf Zeit) zum Erhalt eines Studienplatzes zu umgehen,
dabei an der Offiziershochschule Elektrotechnik/Elektronik zu studieren
und zu lernen, wie man richtig mit Menschen arbeitet (Lehrfach MPP),
im Dienst und auch nebenbei viel Sport treiben, sich als Übungsleiter zu qualifizieren und
mit 22 Jahren mit abgeschlossener Ingenieurssusbildung als Leutnant gutes Geld zu verdienen !

SOWEIT DIE THEORIE !!!

Wie bereits gesagt :
Es hätte damals wirklich niemand aus meinen Kreisen auch nur einen Pfifferling darauf gewettet, dass
dieser Fall bei mir mal eintreten könnte und ich beim Militär "landen" würde.